Marktplätze

Von Menschen und Märkten

Shoppingmalls haben ihr Image als Fremdkörper der Innenstädte abgelegt. Durch die Verbindung von Konsum und sozialem Miteinander bieten sie einen interessanten Lösungsansatz gegen die Konkurrenz aus dem Internet. Doch nicht nur Menschen gehen hier auf die Jagd.

Von Isabell Spilker

»Die Shopping Mall ist die neue Kirche der Vorstädte.« 
Katja Eichinger, Künstlerin und Journalistin

„Die Shoppingmall ist die neue Kirche der Vorstädte“, sagt Katja Eichinger. „Hier gibt es keine Hektik oder Hetze, die Rolltreppe setzt das Tempo.“ Die Künstlerin, Journalistin und Witwe des Regisseurs Bernd Eichinger hat eine Leidenschaft für Einkaufszentren. An ihnen interessiert sie etwas, was den meisten nie auffällt – ihre Funktion als Orte, an denen es nicht nur ums Kaufen und Verkaufen geht, sondern die auch eine Art gesellschaftlicher Treffpunkt sind. Eine Rolle, der sich europäische Shoppingcenter zunehmend stellen, wie Lukas Nemela bestätigt, Sprecher der ECE, die mit 199 Shoppingcentern im Management Marktführer in Europa ist: „Die Aufgabe der Shoppingmall hat sich gewandelt. Früher stand vor allem das Kaufen und Verkaufen im Vordergrund. Heute ist sie längst ein moderner Marktplatz, auf dem viel mehr als nur Konsum stattfindet.“

Alleine in Deutschland gibt es 479 Shoppingcenter mit mehr als 10.000 Quadratmetern Größe. In jedem von ihnen findet man einen ausgeklügelten Mix aus Einzelhandel, Gastro­nomie, Entertainment und hin und wieder auch Nahversorgung. Zunehmend öffnen sich die Center auch für Marken, die sich bloß präsentieren wollen und keinen Wert darauf legen, Umsatz zu machen. „Wir haben mittlerweile sogar Tesla als Mieter in unseren Centern“, sagt Nemela, „und die Autos werden nicht dort verkauft, um direkt mit nach Hause genommen zu werden.“ Aber in einem Einkaufszentrum kämen die Händler nun einmal dem Kunden und seiner Welt näher.

Bussard Hillary

Biowaffe gegen Tauben

Wenige Vorhaben sind so aussichtslos wie die Vertreibung von Tauben aus ihren Innenstadtrevieren. Spitze Nägel auf ihren Sitzplätzen, Gift, Ultraschall – wirkt alles nicht nachhaltig und ist mitunter recht bedenklich.

In München dagegen ist seit einiger Zeit eine biologisch einwandfreie Abwehrwaffe im Einsatz, und sie funktioniert. Ein Wüstenbussard namens Hillary sorgt auf dem Stachus und in den Passagen der Hofstatt für Ordnung. Die Center Managements haben einen Falkner engagiert, dessen Tier dort sein Revier markiert. In unregelmäßigen Abständen zeigt Hillary den Tauben, dass sie nun hier das Sagen hat. Der Raubvogel macht den Einsatz von Gift, Elektrozäunen oder Stahlspitzen überflüssig, denn als natürlicher Feind der Tauben ist er viel wirksamer: Tauben sind in freier Wildbahn die Hauptbeute von Greifvögeln – und sie wissen das. Der Falkner reist mit dem Bussard an, zunächst so oft wie möglich, später unregelmäßiger. Sobald sich Tauben in den Centern einfinden und wie gewohnt Krümel picken, verjagt Hillary sie. Es dauert einige Zeit, bis die Tauben das begriffen haben, aber ihr Einsatz ist vielversprechend – und für die Passanten ein Spektakel. Da Hillary von ihrem Falkner mit Fleischbrocken belohnt wird, bleiben die Tauben unverletzt. Aber suchen sich künftig ein entspannteres Plätzchen.

Das Glück, sich zu verlieren

Eine Shoppingmall erlaube es ihren Besuchern, sich selbst zu verlieren, meint Katja Eichinger, die im Ausstellungskatalog „World of Malls“ über deren Faszination und zugleich abstoßende Wirkung schreibt. „Sie erlaubt soziale Nähe ohne Konfrontation.“ So wird das Shoppingcenter zu einem Ort der Realitätsflucht, des Lustwandels, des Häppchenaufnehmens. Ein Eis hier, ein Parfüm dort. Eine Runde Kinderkarussell, dazu Wasserplätschern, schicke Klamotten und vor der Tür die Schlittschuhbahn.

„Der Anspruch der Kunden hat sich sehr gewandelt. Kunden erwarten eine angenehme Atmosphäre, es muss Sitzbänke und Lounges geben, guten Service mit sauberen Toiletten, oder auch Ladestationen fürs E-Auto“, sagt Nemela. Schon der Grundgedanke des ersten Centers war die Kombination von Kommerz und Sozialem. Das von Victor Gruen entworfene „Southdale Center“ bei Minneapolis wurde 1956 eröffnet und gilt als Mutter aller Malls. Außen ein Bunker, innen ein perfekt ausgeleuchtetes Atrium mit Pflanzen, Bänken und Brunnen. Doch während in den USA das Image von Shoppingmalls niemals wirklich schlecht war, ist es in Nordeuropa lange Zeit verpönt gewesen, in ihnen Tage zu verbringen – sich dem nie nachlassenden Strom aus Softeismaschinen, dem Plätschern künstlicher Wasserläufe und dem Shopping-Fluss hinzugeben.

»Wird zu lange nicht in ein Center investiert, droht eine Abwärtsspirale.« 
Lukas Nemela, Sprecher der ECE

Vereint gegen die Online-Konkurrenz

„Einkaufscenter zerstören Innenstädte, zwingen kleine Einzelhändler in die Knie, normieren das Einkaufserlebnis“ – so lauteten lange die Einwände gegen die Malls. Heute werden sie belächelt. Gegen die große Konkurrenz aus dem Internet sind neue Allianzen entstanden, stationäre Einzelhändler und Shoppingmalls sind zu Verbündeten geworden. „Die Diskussion darum, dass die Center die Konkurrenz zur Innenstadt seien, ist so nicht mehr aktuell“, bestätigt Nemela. Während in den USA nun die Angst vor dem Mall-Sterben wächst, weil wegen der starken Online-Konkurrenz immer mehr Läden die Segel streichen, führt die Entwicklung hierzulande zu einer Bewusstseinsänderung bei Bürgern, Stadtverwaltungen und Einzelhändlern. Es geht nicht mehr gegen die Malls, sondern gegen den Wunsch des Kunden, bequem vom Sofa aus zu bestellen.

Plötzlich proklamieren die Einzelhändler Zusammenhalt und besinnen sich auf die Qualitäten, die von den Shoppingmalls in Klein- und Vorstädte, Stadtteile und auch die Innenstädte gebracht werden. Sie können die Kundschaft durch etwas anlocken, was kein Onlineshop zu bieten hat – soziales Miteinander, Austausch, direkte Begegnung. „Wenn es eine Konkurrenz­situation gibt“, sagt Nemela, „muss man gemeinsam auf die Stärken setzen und sie weiter herausarbeiten.“

Architekturen des Konsums

World of Malls

World-of-Malls

Der Begleitband der gleichnamigen Ausstellung zeigt Shoppingmalls aus aller Welt. Herausragende und besonders beachtenswerte Projekte – bereits verwirklicht oder noch in Planung – werden vorgestellt. Angereichert mit historischen, architektonischen und sozialkritischen Gedanken zu Shoppingmalls.

 

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Neuer Schwung durch Refurbishment

Um sich in der Gegenwart behaupten zu können, müssen Center-Betreiber beständig an der Außenwirkung und dem Angebot ihrer Malls arbeiten. Der „Hamburger Meile“ wäre fast ein trauriges Schicksal zuteilgeworden: Ein in die Jahre gekommener, riesiger Block im Hamburger Stadtteil Barmbek mit wenig attraktivem Geschäftemix und langweiliger ­Innenarchitektur konnte kaum noch jemanden anlocken. In der Umgebung selbst sind die Einzelhandelsangebote rar, der ganze Stadtteil litt unter der Tristesse des untergehenden Center-Riesen. Als auch noch ein großes Kaufhaus, einer der größten Mieter, das Center verließ, herrschte Grabesstimmung an der Meile. Erst ein beherztes Refurbishment, wie Experten das Aufmöbeln in die Jahre gekommener Einkaufscenter nennen, brachte neuen Schwung. Nun wirkt es wieder als Magnet für die ganze Gegend.

„Wird zu lange nicht in ein Center investiert, droht eine Abwärtsspirale“, erklärt Nemela. „Der Branchenmix muss abwechslungsreich bleiben und eine Mischung aus großen Filialisten und regionalen Händlern sein.“ Das Konzept müsse immer wieder neu angepasst werden, zunehmend Gastronomie in den Centern Platz finden. Bisher machten Imbisse, Restaurants und Eiscafés durchschnittlich fünf Prozent der Flächen aus, bei Neueröffnungen sind es mittlerweile eher zehn oder mehr Prozent.

Mit 14.875 Passanten pro Stunde ist die Frankfurter Zeil die meistbesuchte Shoppingmeile Deutschlands.
Quelle: JLL, 2017

Dass der stationäre Einzelhandel und mit ihm auch die Malls angesichts der Veränderungen im Kaufverhalten umzudenken und umzustrukturieren gezwungen sind, eröffnet auch für Katja Eichinger neue Chancen: „Die Shoppingmall manifestiert mehr als nur käufliche Bedürfnisse, sie ist Ausdruck für das menschliche Verlangen nach einem Ort, der uns auffängt, wenn wir fallen, der uns leitet, wenn wir uns zu verlieren drohen, der uns Nähe gibt, wenn wir uns einsam fühlen.“ Dass so viele Menschen Shoppingmalls aufsuchen, könne nur bedeuten, dass dieses Verlangen andernorts nicht gestillt wird. Deswegen sollte jede Shoppingmall sich als eine kulturelle Institution begreifen, die über sich selbst und ihre gesellschaftliche Verantwortung nachdenken muss.

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